Fußball-Menschen – Sebastian

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Es ist einer dieser sonnigen Tage in Hamburg. Ich treffe Sebastian am Millerntor. Wir laufen ein wenig um das Stadion, auf dem Heiligengeistfeld wird gerade der Sommerdom abgebaut. Der eine oder andere LKW fährt ans uns vorbei während wir vor den Räumen des Fanladens in der Gegengerade über Fußball sprechen.

Wie bist du zu Fußball gekommen?

Ich bin mit hingenommen worden. Der Vater eines Schulfreunds, der damals ein Sponsor bei St. Pauli war oder besser gesagt dessen Arbeitgeber und er war da ein ziemliches hohes Tier. Das war so ein VW-Laden. Und der hat dann über Papa Freikarten bekommen und dann wurde ich halt gefragt, ob ich nicht mal mitkommen wolle. Und dann bin ich halt mal mitgekommen und fand es ganz gut. Ich bin da geblieben und er ist dann irgendwann nicht mehr mitgekommen. So bin ich zum Fußball gekommen, also zu St. Pauli. Zum Fußball vorher halt, wie wahrscheinlich alle, Sportschau geguckt, Weltmeisterschaften geschaut und bisschen Bundesliga-Interesse, Panini-Alben, aber nie intensiver.

Wann war das?

Oh Gott! 89/90 muss die erste Saison gewesen sein, wo ich mal im Stadion war. Nach dem Abstieg in die zweite Liga war ich mit Dauerkarte dann immer dabei.

Du gehst jetzt ja schon recht lange ins Stadion. Was bedeutet Fußball für dich, neben dem rein sportlichen Aspekt?

Inzwischen ganz viel soziales. Menschen, die man kennengelernt hat – beim eigenen Verein, tatsächlich aber auch bei anderen Vereinen. Du bist ja auch bei einem anderen Verein. Man trifft sich halt zwei Stunden vor dem Spiel mit Leuten. Quatscht über das Leben und die Welt und irgendwann ist dann halt Fußball. Das ist schon der Kristallisationspunkt um den herum sich ganz viele Freundschaften und Kontakte ergeben haben. Auch Leute mit denen man auch andere Sachen unternimmt. Früher war wahrscheinlich die Schule der Ort, wo man Leute kennengelernt hat und heute ist es irgendwie der Fußball.

Und warum schaust du Fußball im Stadion? Es gibt ja auch manche, die sagen: Ist mir zu teuer, will ich nicht hin, schaue ich lieber auf der Couch.

Um das Spiel richtig erleben zu können muss ich Stehen. Auf der Couch werde ich gestresst und zwar mehr als im Stadion. Und man brüllt seinen Fernseher doch anders an als die gegnerischen Fans oder die gegnerische Mannschaft. Außerdem ist das, was auf dem Platz passiert, nur ein Teil des Gesamterlebnis ist. Seien es die Gesängen oder das man sich mit den Gegnern fetzt. Und sei es nur auf gesanglicher Ebene. Mitkriegen was so passiert. Das gehört halt alles irgendwie dazu und ist wichtig. Und ich finde tatsächlich auch, dass du den Fußball anders siehst. Egal, wo du im Stadion stehst oder sitzt, hast du deine eigenen Perspektive auf das Spiel. Dadurch kannst du dich aber viel besser auf das konzentrieren, was dich gerade interessiert und musst dich nicht darauf konzentrieren, wo die Kamera gerade hinschneidet. Die 13. Wiederholung vom runterrutschenden Stutzen von Thomas Müller finde ich meistens nicht so spannend, wie sich die Mannschaften gerade hinstellen, wenn der Torwart den Abstoß macht.

Wo stehst du dann im Stadion?

Ich stehe in der Gegengeraden. Relativ weit rechts außen. Wir haben ja drei Stehplatzblöcke, die sich von der Nord über die Gegengerade bis zur Südkurve um das Stadion herum verteilen. Alles sind Fanblöcke. Die Süd ist halt der Ultra-Block, die Gegengerade war mal die Tribüne der alten Säcke, was seit dem Umbau nun aber auch nicht mehr so ist. Aber das ist mein Platz geworden.

Hast du Rituale, Aberglauben, Glücksbringer oder einen Talisman?

Nicht wirklich. Als ich dreimal denselben Pulli anhatte und wir dann dreimal nicht verloren haben, habe ich kurz drüber nachgedacht. Aber in den letzten Jahren war es eher so, dass das was du am einen Tag gemacht hast, am nächsten dann schon wieder in die Grütze ging hast du es dann einfach wieder gelassen hast. Aber generell bin ich relativ unverdächtig was Aberglaube angeht. Eine Weile bin ich nicht zu Testspielen gegangen. Als ich dann zwei Spielzeiten die Spiele der Sommervorbereitung geschaut habe, sind wir von der ersten in die zweite und von der zweiten in die dritte Liga abgestiegen. Da hab ich mir dann auch gesagt: Ne, lass mal lieber. Sonst aber keinerlei Aberglaube.

Du hast gerade Testspiele erwähnt. Fährst du auch Auswärts?

Ab und zu. Zwei, drei Spiele pro Saison, wenn es sich einrichten lässt. Es ist den letzten Jahren wieder mehr geworden. Davor lange Zeit gar nicht.

Wir stehen hier am Millerntorstadion, welches landläufig als der Hort des alten Fußball gilt. Es gib vielleicht Leute, die das anders sehen, aber wie stehst du zu diesem „Modernen Fußball“?

Ich kann mir jetzt überlegen, ob ich die moderne Welt als solche Scheiße finde oder nicht oder ein bisschen damit leben. Ich glaube es ist ein Mittelding. Ich finde es ganz gut, obwohl St. Pauli ein meistens oder sagen wir oft kommerziell intelligent agierender Club ist: Sprich Marketing. Gerade ist ja auch die Fußball-Markenrangliste der Uni Braunschweig herausgekommen und da sind sie nicht ganz grundlos auf dem vierten Platz. Es ist kommerziell, was hier passiert und ich denke das sollten wir uns auch alle klar machen. Das ist Profifußball. Die wollen Geld verdienen. Man muss aber auch nicht alles mitmachen. Der Verkauf des Stadionnamens ist bei uns per Vereinssatzung verboten, wobei ich persönlich da nicht so hinterher bin und es nicht so schlimm finde. Ich finde es aber trotzdem ganz sinnvoll, dass man ein paar Sachen, wo es einen Konsens im Verein gibt, festschreibt und sagt: Das machen wir nicht mit. Und ich glaube, dass gerade ein Verein, wie St. Pauli, der ein klares Bild in der Öffentlichkeit hat und der in der Vereinsgrütze, wo dann Hoffenheim, Wolfsburg, Leverkusen, Rasen-Ball und weiß ich nicht was spielen, die alle nur noch über das auf dem Rasen kommen können, auch Alleinstellungsmerkmale hat, die es gilt zu konservieren und mit denen du dann auch Geld verdienen kannst. Aber auf eine andere Art Geld Weise.

Abschließend noch die eine Frage: Warum gerade dein Verein? Warum St. Pauli?

Ich war hier das erste mal beim Fußball. Es hat mir gefallen. Ich bin da geblieben.

Vielen Dank für das Interview.

Sebastian betreibt den Blog Curi0usities, ist auf Twitter als @Curi0us unterwegs und einer der Podcaster beim Millernton.

Mit Fußball-Menschen möchte ich euch Menschen vorstellen, die den Fußball lieben und euch ihre Geschichten erzählen.

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2 Kommentare

  1. Daniel Rehn

    Sehr schönes Interview und eine ebenso tolle Idee für eine Interview-Serie. Die Vorfreude auf die nächste Runde ist schon geweckt 😉

  2. \o/ <3

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